PHOBOS
I.
Sternenstaub sind wir, entstanden aus einer Explosion vor Lichtjahren. Planeten sind wir, kreisen in unseren Bahnen; Monde, Trabanten. Unser interstellarer Flug setzt an, vom Schongang in die Schnellstufe, im Größten, im All, der luftleeren Unendlichkeit, gibt es die Setzung des Endlichen, kompakte Materie, zusammengesetzt um zu zerfallen. Unser Vater, der Vater aller Dinge, unsere Mutter: Sinnlichkeit, Lust, Begierde. Kinder von beiden, begleiten wir den Vater. Wir, das sind: Deimos und Phobos. Unser Vater ist der Krieg, mein Bruder ist der Schrecken und ich bin die Furcht. Die Angst zeigt den Weg, zieht die Bahn.
II.
Allzumenschliches projiziert vom kleinen blauen Planeten am Rande einer der vielen Galaxien im Weltenraum, nicht zuletzt um Ordnung zu schaffen im Chaos. Sven Reiles Bilder oszillieren in mikro- und makrokosmischen Räumen zwischen Menschlichem und Planetaren. Augäpfel und Schädel verschmelzen mit dem kraterübersäten Himmelskörper des kleinen Marsmondes namens Phobos, der zuerst mythologische Gestalt, geboren aus der psychologischen Sensibilität griechisch-antiker Selbstreflektion zum astronomischen Gestirn gewachsen ist. Erkennbar nur mit dem optischen Sensorium menschlicher Technologie. Sven Reile bedient sich der Bilder aus dem nicht greifbaren Raum des Weltalls, der Peripherie menschlicher Wahrnehmung und setzt sie durch die Malerei ins Verhältnis zum Menschen. Durch diesen Kunstgriff gelingt ihm das, was schon der griechischen Mythologie innewohnt, Seelenzustände zu verdeutlichen mit Hilfe einer bildlichen Sprache, die nicht das Phänomen erklärt oder terminiert, sondern verdeutlicht. Waren es in der antiken Mythologie Götter, so sind es in Reiles Bilderwelten die astronomischen Objekte, die uns die Facetten menschlicher Geisteszustände vor Augen führen. Durch das Motiv des Phobos bedient sich der Künstler auch der mythologischen Konnotation des Marsmondes. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Themen seiner Bilderserie dominiert werden von der dunklen Seite unserer Seele, von Angst und Schrecken. Schwerelos schwebende Augen werfen den Blick des Betrachters zurück, geben dem Bild ein Eigenleben, das sich zurückzieht in die unbekannten Gefilde des Weltalls um sich wieder zu verdichten in der Andeutung einer menschlichen Form, sei es ein Korpus oder die Porträitansicht eines Kopfes. In diesem Wechselspiel zwischen Entziehen und Erscheinen spielt der Künstler mit der Assoziationskraft des Betrachters, der ein eigenes Bild des Bildes mit Hilfe seiner Vorstellungskraft in sich generiert. Diese Provokation der Phantasie kann als Karthasis der Phobos-Bilder Sven Reiles verstanden werden, fordern sie doch den Betrachter zur Einnahme eines eigenen Standpunkts heraus, der sich dem Schrecken stellt.
Robert Sorg im Juni 2011
Zwischen Abstraktion und Figürlichkeit
Zwischen Abstraktion und Figürlichkeit, zwischen Symbol und Realismus kreisen die Bildwelten des Sven Reile.
Die Ausstellung im „Salon der Künste“ bietet einen Blick in das Schaffen des Künstlers der letzten vier Jahre. Mit der Bildgruppe „Head“, hier vertreten durch das Bild „Head 17“, begann die künstlerische Sprachfindung. Es eröffnete sich die „Spielwiese malerischer Ausdrucksmittel“, so der Künstler.
Im Bild „Head 17“ aus dem Jahr 2005 deuten sich Gestaltungsprinzipien an, die im aktuellen Bildthema „Phobos“ gänzlich zur Anwendung kommen. Objekte und Subjekt überlagern sich, geometrische Formen organisieren sich, die Topographien des Urbanen, als auch später des Planetaren werden zur psychologischen Landschaft. Bei dieser Überführung und Überlagerung der Bedeutungen liefert sich der Künstler nicht allein den symbolischen und mythologischen Inhalten aus. Phobos verkörpert die Furcht, ist Vorbote des kriegsbringenden Mars.
Doch die „Phobos“-Bilder entziehen sich einer bloßen symbolistischen oder allegorischen Lesart zum einen durch realistische Einzeldarstellung des Motivs, zum anderen durch karikaturhafte Collagen. Mit der realistischen Darstellung der Mondlandschaften begibt sich der Künstler in die Peripherien menschlicher Wahrnehmung, die sich optischer Hilfsmittel bedienen muss um ein Bild kosmischer Phänomene zu gewinnen. Der Künstler sucht irdische Mondlandschaften auf, reist in Wüsten, zu Orten, die zur Erde gehören, aber nicht zu unserem Lebensraum und daher schwerer greifbar sind, ähnlich den Wolken. Da sie sich dem menschlichen Lebensbedingungen entziehen, erscheinen sie uns unbekannt, abstrakt. Und doch sind sie ein Teil unserer Welt – das Fremde im Eigenen.
Die Hinterfragung der Normalität, bildsprachlich im realistischen Stil ausgedrückt, findet sich in der Themengruppe „Karibik“ aus den Jahren 2005 bis 2007. Reiles säkularisierte Pieta scheint die totale Umkehrung der klassischen Ikonographie des Bildthemas. Die junge Mutter Maria, sonst weinend um den Tod ihres Sohnens, lächelt lolitahaft-dämonisch. Zwischen ihren Schenkeln ein Wesen - schmerzverzerrt, aufschreiend.
Die normativen und normierenden Formate der Mediengesellschaft stoßen in „Karibik“ an ihre Grenzen. Das Gute verkehrt sich zum Dämonisch-Bösen, die vermeintlichen Boten der Freiheit offenbaren ihre menschliche Abgründigkeit. Die orange Kleidung des Liegenden/Fallenden ist der Signifikant des karibischen (Alp-)Traums der Menschenrechte – Guantanamo.
Das spannungsvolle Wechselspiel zwischen Realismus und Abstraktion, das zugleich als dilemmatisches Gefangensein zwischen dem Begreifbaren und Unbegreiflichen verstanden werden kann und künstlerisches Grundprinzip Reiles zu sein scheint, zeigt sich besonders deutlich in „Lösung“ (2008) und „Jedentag“ (2008), zwei Künstlerbildnisse, die zwischen realistischer Form und abstrakter Auflösung stehen. In den Bildern Reiles zeigt sich das Scheitern des Versuches einer Realität habhaft zu werden, nicht nur als menschliches Dilemma des Unsteten/Begrenzten, sondern als Bildprinzip, das die massenmedialen Wahrnehmungsvorgaben aufzusprengen versucht und somit grundlegend freiheitlich ist.
Robert Sorg, 2009
Phobos
Die Vergrößerung des Mikrokosmos.
Der Sog der Reduktion, seine Funktionsweise, ist so einfach, wie zerstörerisch: das Kreisen um die eigenen Gedanken, um die eigene Identität, läuft schnell aus dem Ruder, nämlich dann, wenn der Blick nach Innen kein Außen mehr zulässt. Je mehr der Blick auf sich selbst gerichtet ist, umso mehr schwindet die Außenwelt. Als letzte Konsequenz der Reduktion bleibt das Zusammenlaufen auf einen Punkt: die Isolation.
Unternehmen wir den Versuch, den Prozess der fortschreitenden Reduktion genauer zu betrachten. Unser Werkzeug ist das Vergrößerungsglas, denn es gibt den Blick frei auf jedes Detail. Das Versuchsobjekt heißt Phobos, der, als Vorbote des Kriegsbringers Mars, die Furcht verkörpert. Er projiziert das Eingeschlossen sein in sich selbst auf die unendliche Fläche. Dabei wird jede Narbe, des seit Jahrmillionen geschundenen Steins sichtbar. Der Mond wirkt müde, halbzerstört und grenzenlos einsam.
Der makroskopische Blick auf das Individuum Phobos legt eine versöhnliche Erkenntnis frei: Um uns herum ist es nicht schwarz, es gibt unendlich viele Variationen, auch wenn wir sie nicht sehen.
Ulf Behrens, 2009
Kosmonauten 2007
“Heilsuche in fernen, fremden Welten“
(21.08.2007, Feuilleton Berliner Zeitung, Ingeborg Ruthe)
Ein wenig klingt alles nach Ironie: Die Galerie in der Greifswalder Straße nennt sich “December”, obwohl wir gerade hohen Sommer haben. Und die soeben begonnene Ausstellung trägt den sinnigen Titel “Wir sind alle Kosmonauten”, wo das doch längst nicht mehr auf Russisch gesagt wird, sondern westlich korrekt Astronauten heißt. Was der Besucher ahnt, bestätigt sich in den Gemälden von Sven Reile aus Berlin, den Tuschzeichnungen der Chemnitzerin Marlen Melzow. Und den Videos der New Yorkerin Mariam Ghani, die aus Fenstern hinaus filmt, sogar aus dem Flugzeug - auf Wolken und Dächer fremder Städte - und so das Niemals-Ankommen im Überall-Sein anspricht.
Es geht also um Wegfahren und doch nie Ankommen, um Expeditionen mit ungewissem Ausgang, um Heilsuche in fernen, fremden Welten. Bloß sind diese hier nicht kosmisch im Sinne des wissenschaftlichen Weltalls. Es geht, selbst noch im Flugzeug, ums ausgesprochen Irdische und seine universalen Mythen: um Traum und Desillusion, Liebe und Enttäuschung, Leidenschaft und Hass, Nähe und Ferne, Obsession und Kalkül. Mit den Grauzonen der Lust beschäftigt sich Sven Reile in seinen Bildern. Da ist Gewalt, im Bild “Rückkehr zum Mond” ist eine männliche nackte Figur gemalt wie unter Folter, Handgelenk und Kopf bedeckt mit weißer Farbe wie Binden. Eine schwarze Farbspur wirkt so, dass man sie als Geschoss durch die Brust deuten könnte. Oder als wuchtigen Pfeil wie in den alten Gemälden vom Martyrium des Heiligen Sebastian. Reiles Bilder stecken voller Hinweise und sind doch nicht eindeutig zu erschließen. Sie bedrücken irgendwie, denn der Betrachter ertappt sich als heimlicher, auch hilfloser Beobachter einer Welt, in der sich Gewalt und Sex vermischen. Im Dialog dazu zeigt Marlen Melzow ihre verknappt getuschten Serien mit Tier-Mensch-Wesen, die Körper, die gehörnten Köpfe in schier unmöglichen Verrenkungen. Melzow bezieht sich auf Henri Millers “Wendekreis des Steinbocks”. Sie wollte zeichnerische Parallelen zu dessen autobiografischem Reifeweg in New York und Paris schaffen. Die rücksichtslose Zurschaustellung des Animalischen wirkt bei Melzow melancholisch - wie ein stummer Schrei nach Humanität.
Galerie December, Greifswalder Str. 217, bis 30. 9. Di-So 15-20/24 Uhr.
Showroom 2006
Was ist Lust? Was darf der Mensch und was nicht? Wie soll man jemanden bestrafen, der einen anderen auffraß und sich und dem Gefressenen damit die höchste Befriedigung gab? Die kleine US-Soldatin lächelt als sie einen Stiefel auf einen gequälten Gefangenen stellt. Die Pose eines Großwildjägers oder aber eine sexuelle Handlung.
Mit dieser Grauzone der Lust beschäftigt sich Sven Reile in seinen Bildern. Gewaltszenen, die nicht erkennen lassen, ob die Akteure freiwillig mitmachen. Jemand liegt am Boden, das starke Orange seines Anzugs ist erkennbar, die Haltung gekrümmt, die Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Vielleicht ein Häftling im gefürchteten Guantanamo. Die schwarzen Stiefel im Hintergrund wurden nur schemenhaft dargestellt. Trotzdem sind die hohen Absätze zu erkennen. Soldaten in High Heels.
Gebeugt mit hinter dem Rücken gebundenen Händen steht eine männliche Figur im Zentrum eines Bildes des Künstlers. Die Haut ist gespenstisch weiß, die Figur scheint bandagiert zu sein, der Kopf hat keine Konturen mehr.
Die Frau im schwarzen Kostüm steht vor einer schmutzigen, orangefarbenen Wand, ihre Lippen sind verächtlich geschlossen. Sie beugt sich mit nach unten ausgestrecktem Arm nach etwas dem Betrachter nicht Erkennbaren, die Haltung lässt nichts Gutes ahnen. Sie trägt eine weiße Rose im Haar. Die Bilder von Sven Reile sind mit vielen Hinweisen bestückt und trotzdem nicht eindeutig zu erschließen. Es entsteht schnell ein bedrückendes Gefühl und der Betrachter ertappt sich als Voyeur, der heimliche Beobachter einer Welt, in der sich Sex und Gewalt vermischen. Aber auch einer Welt, in die der Voyeur in absolute Anonymität zurücktreten kann.
Gehen doch die Medien bilderreich und tabulos mit dem Thema um - so hat jeder durch die Medien vom so genannten “Kannibalismus-Prozess” erfahren und konnte teilhaben an den detailgenauen Beschreibungen des Täters. Eine Perversion der menschlichen Lust, die selbst unsere Justiz überfordert.
Das Bild “Richtstatt/Fernsehabend leitet die Gedanken des Betrachters zu diesem Grenzfall der Sexualität. Eine Hand drückt den Körper der männlichen Gestalt nach unten. Der Kopf liegt auf einem Tisch, er wurde in eine lederartige Maske mit Augen- und Mundschlitzen gesteckt- die Augen, sie schauen direkt aus dem Bild auf den Betrachter, den Voyeur dieser Szene.
Der ausgehöhlte Fernseher auf dem Tisch, vielleicht als Zugang zum Weltgeschehen ist verbrettert, im wahrsten Sinne des Wortes. Da steht nun der Voyeur als Teil der Szene, ertappt durch den Blick des Maskierten. Lächelt er oder hat er Todesangst?
Wir können uns abwenden, vielleicht schütteln vor Ekel und Unbehagen. Wir können uns aber auch diesem Blick stellen, mit dem kribbelnden Gefühl des anonymen Voyeurs.
Kerstin Welz



